Der Safer Internet Day am 10. Februar 2026 steht unter dem Motto „KI and me. In künstlicher Beziehung”. Das ist mehr als ein hübscher Slogan, denn es beschreibt ziemlich präzise, was in vielen Familien bereits passiert. Der Chatbot ist vom Werkzeug zum „Mitbewohner” geworden – höflich, geduldig und stets verfügbar. Und genau deshalb lohnt sich der Blick auf die Warnung des Unternehmens ESET, auch wenn sie aus Deutschland kommt: Die Mechanismen sind in der Schweiz dieselben, nur das Pausenplatz-Deutsch klingt anders. (Bild: metamorworks/Shutterstock.com)
ESET formuliert den Kern wie folgt: „KI ist für viele Jugendliche heute das, was früher Lexikon, Taschenrechner und Nachhilfe zugleich waren.” Diese Beobachtung passt erschreckend gut zur Schweizer Realität. Laut der JAMES-Studie 2024 haben rund 71 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz bereits Erfahrungen mit ChatGPT oder anderen KI-Tools gemacht, ein nennenswerter Teil nutzt sie regelmässig. Wer heute über Medienkompetenz spricht, muss auch KI-Kompetenz meinen, sonst diskutiert man wie über Velowege, aber vergisst die Bremsen.
Dringend nötig
Die Chancen sind offensichtlich: KI kann beim Strukturieren, Üben, Erklären und Formulieren helfen. Sie kann Lernende unterstützen, die zu Hause keine ruhige Lernumgebung haben, und Lehrpersonen entlasten, wenn sie klug eingesetzt wird. Der Kanton Zürich versucht, das Thema nicht als Kulturkampf, sondern als Didaktikfrage zu führen: Auf der GenKI-Seite des Digital Learning Hub Sek II werden Tools, Handreichungen und FAQs für den Unterricht gebündelt. Das ist pragmatisch – und dringend nötig.
ESET zielt jedoch nicht auf die „Hausaufgabenhilfe”-Debatte, sondern auf die zweite Nutzungsschiene: KI als persönlicher Ratgeber. „Oft beantworten sie auch Fragen zu persönlichen Problemen”, warnt die Meldung. Und hier kippt das Ganze vom praktischen Helfer zum sozialen Ersatz. Ildiko Bruhns, Projektleiterin bei ESET, sagt: „Chatbots sind vielen Kindern mittlerweile ein echter ‚Freund‘.“ Das ist nicht bloß eine nette Metapher. Chatbots sind so programmiert, dass sie dialogorientiert und bestätigend reagieren. Für Jugendliche in einer sensiblen Phase kann das emotional attraktiv werden – vor allem, wenn echte Gespräche anstrengender sind als ein Chatfenster.
Das erste Risiko ist banal, aber wirkungsmächtig: falsche Sicherheit durch überzeugende Sprache. ESET erinnert an „Halluzinationen”, also „überzeugend formulierte, aber falsche Antworten”. Erwachsene erkennen das häufiger, Jugendliche deutlich weniger, da Autorität heute nicht mehr die Krawatte, sondern flüssige Sätze trägt. In der Schule heisst das: Es geht nicht nur darum, KI zu nutzen oder zu verbieten, sondern auch darum, wie man sie prüft. Quellenkritik, Plausibilitätschecks und Nachvollziehbarkeit werden zur Kernkompetenz.
Das zweite Risiko ist der Datenschutz. ESET bezeichnet ihn als „blinden Fleck im Kinderzimmer” und formuliert klar: „Alles, was eingegeben wird, verlässt den geschützten Raum der Familie.” In der Schweiz ist das besonders pikant, da wir uns gerne als Musterknaben in Sachen Datenschutz sehen. Zwar gilt das revidierte Datenschutzgesetz seit dem 1. September 2023 und stärkt den Schutz persönlicher Daten, Aber Gesetze ersetzen keine Alltagshygiene. Jugendliche tippen intime Details, Konflikte, Namen, Fotos – oft ohne zu verstehen, wie lange und wofür solche Daten genutzt werden können. Der Software-Entwickler warnt: „Diese Daten können gespeichert, ausgewertet oder im schlimmsten Fall missbraucht werden.” Das ist der Punkt, an dem „Mach schnell ein Bild von deinem Problem” eben nicht harmlos ist.
Das dritte Risiko ist kognitiv: Wenn KI das Denken ersetzt, wird das Lernen zur Simulation. ESET spricht von möglichen Effekten wie „verminderte Gedächtnisleistung” und Einschränkungen „bei der Kreativität” bei intensiver Nutzung. Man muss hier nicht in Kulturpessimismus abgleiten, aber man sollte ehrlich sein. Wer jede Formulierung auslagert, trainiert weniger. KI ist ein Motor – doch wenn man sich ständig schieben lässt, lernt man nicht mehr fahren.
Was heisst das konkret für die Schweiz?
Erstens brauchen Schulen klare Spielregeln und passende Aufgabenformate. Der Zürcher Ansatz mit Handreichungen und Tool-Übersichten ist ein guter Anfang. Entscheidend ist, dass die Eigenleistung sichtbar bleibt: mündliche Verteidigung, Prozessdokumentation, Reflexion („Wie bist du zu dieser Lösung gekommen?”) und eine transparente Deklaration der KI-Nutzung. KI ist dann wie der Taschenrechner: erlaubt, aber nicht als Ersatz fürs Verstehen.
(Foto: medienwerkstatt-potsdam.de)
Zweitens sollten Eltern nicht mit Verboten starten, sondern mit Neugier. ESET listet folgende Punkte auf: „Interesse zeigen”, „kritisches Denken fördern”, „Grenzen setzen”, „Privatsphäre schützen”, „menschlichen Austausch stärken”. Das funktioniert auch in der Schweiz – vielleicht sogar besser als moralische Predigten. Wer fragt „Was hat dir der Chatbot geraten?”, bekommt eher Antworten als wer fragt „Warum machst du so einen Unsinn?”.
Wenn es um echte Sorgen geht, gehört ans andere Ende ein Mensch. In der Schweiz ist Pro Juventute mit „Beratung + Hilfe 147” rund um die Uhr kostenlos und vertraulich erreichbar – per Telefon, WhatsApp und E-Mail. Das ist keine Nebenbemerkung, sondern eine Leitplanke: Chatbots können begleiten, aber sie dürfen keine professionelle Unterstützung ersetzen.
Die nüchterne Schlussfolgerung lautet: KI bei Jugendlichen ist Chance und Risiko zugleich – genau wie ESET es formuliert. Die Schweiz ist gut beraten, das Thema nicht als Technologiestreit, sondern als Frage von Schutz, Bildung und Beziehung zu führen. Oder, etwas salopp formuliert: Der Chatbot ist da. Jetzt müssen wir entscheiden, ob er eine Lernhilfe bleibt – oder heimlich Klassenlehrer, Beichtstuhl und bester Freund in einem wird.
Weitere Informationen zu den Risiken von KI-Werkzeugen gibt es in ESETs aktuellem Blogpost „Kinder und Chatbots: Was Eltern wissen sollten“ auf Welivesecurity.com.






















