Der «Donut» beschreibt die Differenz zwischen den Ressourcen, die die Menschheit verbraucht, und dem Maximum, das der Planet tragen kann. Bild: Adobe Stock
Der «Donut» beschreibt die Differenz zwischen den Ressourcen, die die Menschheit verbraucht, und dem Maximum, das der Planet tragen kann. Bild: Adobe Stock

Nachhaltigkeit und Lebensqualität – ein Widerspruch? Nicht unbedingt, zeigen Empa-Forscher in einer neuen Studie. Gemäss ihren Berechnungen ist ein ökologisches und gutes und sozial gerechtes Leben für über zehn Milliarden Menschen möglich. Allerdings ist ein Umdenken gefragt.

Die Menschheit geht heute nicht nachhaltig mit der Erde um. Klimaerwärmung, Abholzung und Rückgang der Artenvielfalt machen unserem Planeten zu schaffen. Den Einen oder die Andere verleitet dieser Ist-Zustand zum Pessimismus: Können wir denn überhaupt ein ökologisches und gutes Leben für alle Menschen auf der Erde schaffen? Forschende der Empa (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) sagen Ja! In einer neuen Studie im «Journal of Cleaner Production» haben sie aufgezeigt, dass – zumindest technisch – auch mehr als zehn Milliarden Menschen nachhaltig auf der Erde leben können – und dabei auch noch ein angemessener Lebensstandard für alle erreichbar ist.

Für ihre Berechnung haben Hauke Schlesier und Harald Desing aus dem Empa-Labor «Technologie und Gesellschaft», gemeinsam mit Malte Schäfer von der Technischen Universität Braunschweig, das sogenannte Donut-Modell verwendet. Dieses Modell besteht aus zwei konzentrischen Kreisen. Der äussere Kreis stellt die Grenzen wichtiger planetaren Ressourcen dar, darunter etwa die Biodiversität, das Klima sowie die Land- und Wassernutzung, dessen Überschreiten das Risiko für grossflächige, abrupte und irreversible Umweltveränderungen erhöht. Ein ausgefüllter innerer Kreis bedeutet, dass die menschlichen Grundbedürfnisse erfüllt sind und ein angemessener Lebensstandard für alle Menschen erreicht ist. Der eigentliche Donut ist der Bereich zwischen diesen Kreisen: Die Menge der natürlichen Ressourcen, die über das Erreichen eines angemessenen Lebensstandards hinaus noch sicher genutzt werden könnten.

https://www.empa.ch/documents/56164/31571930/grafik-donut-web-DE.png/0e32fdb4-1848-0f66-5b90-a8ef1e403dbc?t=1720083892430
So sieht ein ökologischer Donut aus: Der gelbe Kreis in der Mitte kennzeichnet einen angemessenen Lebensstandard für alle Menschen. Der rote Bereich ausserhalb des Donuts ist die sogenannte Risikozone, in der irreversible Umweltschäden wahrscheinlich sind. (Grafik: Empa)

Die Bedürfnisse verstehen

Die Existenz des Donuts war bis anhin ein Postulat. Noch keine Studie konnte zeigen, ob alle Menschen ihre Grundbedürfnisse tatsächlich erfüllen können, ohne die planetaren Grenzen zu überschreiten. Nach aufwendiger Recherche haben die Forschenden schliesslich einen hypothetischen «Warenkorb» zusammengestellt. Dieser enthält eine Auswahl von Gütern und Dienstleistungen, die für einen angemessenen Lebensstandard unabdingbar sind. Der Warenkorb beinhaltet u.a Nahrungsmittel, Wasser, Wohnraum, Elektrizität, Mobilität, aber auch Krankenhäuser und Schulen für Bildung, öffentliche Bereiche und Versammlungsorte sowie moderne Kommunikationsmittel. «Natürlich haben Menschen noch andere Grundbedürfnisse, beispielsweise das Bedürfnis nach Sicherheit, die aber nicht zwangsläufig materielle Ressourcen verbrauchen müssen», erklärt Schlesier.

Die Umweltschäden durch das Bereitstellen des Warenkorbs haben die Forschenden dann mit den planetaren Grenzen verglichen. Ihr Resultat: «Wir konnten zeigen, dass ein angemessenes und ökologisches Leben für mehr als zehn Milliarden Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit möglich ist», so Schlesier. «Allerdings braucht es dafür einen grundlegenden Wandel in vielen Systemen, mit denen wir diese essentiellen Güter und Dienstleistungen bereitstellen.»

Ressourcen besser nutzen

Was müssen wir also tun, um nachhaltig leben zu können? Am dringendsten braucht es ein Umdenken beim Energiesystem und bei der Landwirtschaft, so die Forschenden. «Die planetaren Grenzen, die heute am stärksten überschritten sind, sind das Klimasystem, die Artenvielfalt sowie die biogeochemischen Flüsse von Phosphor und Stickstoff», erklärt Desing.