Es hatte fast etwas Nostalgisches. Ein CEO eines wichtigen amerikanischen Technologieunternehmens kommt nach Zürich, setzt sich mit einer kleinen Runde von Fachjournalisten an einen Tisch und spricht über KI, Cloud, digitale Souveränität und die Zukunft der Unternehmens-IT. Kein grosses Bühnenprogramm, keine grelle Produktshow, keine orchestrierte Marketingmaschine. Sondern ein Mediengespräch. Früher war das normal. Heute wirkt es beinahe wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Redaktionen noch genug Personal, Zeit und Fachwissen hatten, um solche Gespräche nicht nur zu besuchen, sondern auch einzuordnen.
Rajiv Ramaswami, CEO von Nutanix, (Bild links) war im Park Hyatt Zürich zu Gast. Eingeladen hatte Nutanix zu einem Roundtable im kleinen Kreis. Gastgeber war Stein Inge Bruland (Bild rechts), Sales Director Schweiz und Österreich. Das Thema klang nach klassischem Tech-Programm: KI, digitale Souveränität, Multi-Cloud und die Rolle amerikanischer Anbieter in Europa. Doch dahinter steckt mehr. Es geht um eine Grundfrage der nächsten Jahre: Wer kontrolliert die digitale Infrastruktur, auf der Unternehmen, Verwaltungen, Spitäler, Industrie und künftig auch KI-Anwendungen laufen?
Abbild bei den Medien
Dass von den grossen Medien kaum jemand anwesend war, erzählt fast schon eine zweite Geschichte. Solche Gespräche waren einmal ein Ort, an dem sich Fachwissen, Erfahrung, journalistische Neugier und Unternehmensstrategie kreuzten. Man konnte CEOs direkt befragen, Landeschefs einordnen, Widersprüche testen und nebenbei erfahren, was hinter den Kulissen wirklich passiert. Heute sind viele IT-Ressorts ausgedünnt. Die Know-how-Träger sind verschwunden, in andere Ressorts gewechselt oder schreiben nun über die grossen philosophischen Linien der Digitalisierung, während die technische Basis darunter kaum mehr journalistisch begleitet wird. Die PR-Branche hat ihren Teil dazu beigetragen: zu viele Meldungen, zu viel Übersteuerung, zu viel Missionarsgeist aus London, Frankfurt oder Brüssel. Am Ende sehen viele Redaktionen nur noch Einflussversuche. Und verpassen ausgerechnet jene Gespräche, in denen man diesen Einflussversuchen mit Fachfragen begegnen könnte.
Nutanix ist kein glamouröser Consumer-Tech-Konzern. Das Unternehmen verkauft keine Geräte, die man auspackt und auf Instagram fotografiert. Nutanix verkauft Infrastruktur. Also jene Schicht, die man meist erst bemerkt, wenn sie nicht funktioniert. Genau deshalb ist das Gespräch relevant. Denn KI ist nicht nur ein Thema für Chatbots, Prompts und bunte Demos. KI wird vor allem dann ernst, wenn sie produktiv betrieben werden muss: mit Daten, Kostenkontrolle, Sicherheit, Berechtigungen, Governance, Ausfallsicherheit und klaren Verantwortlichkeiten.
Ramaswami ist dafür ein glaubwürdiger Gesprächspartner. Er ist kein CEO aus der Marketingabteilung, sondern ein Infrastrukturmann. Vor Nutanix war er bei VMware, Broadcom, Cisco, Nortel, Tellabs und IBM tätig. Er kennt Netzwerke, Storage, Rechenzentren, Virtualisierung und Cloud nicht aus Folien, sondern aus den Maschinenräumen der Branche. Seit Dezember 2020 führt er Nutanix. Unter ihm hat sich das Unternehmen stärker als Plattformanbieter für hybride Cloud-Infrastrukturen positioniert. Die Botschaft ist klar: Unternehmen sollen Applikationen und Daten nicht in voneinander getrennten Welten betreiben müssen, sondern über private, hybride und öffentliche Umgebungen hinweg kontrollieren können.
Das klingt trocken. Ist aber strategisch brisant. Denn der Markt befindet sich in Bewegung. Nach der Übernahme von VMware durch Broadcom prüfen viele Unternehmen ihre Virtualisierungsstrategie neu. Für Nutanix ist das eine historische Chance. Das Unternehmen muss VMware nicht frontal angreifen. Es genügt, eine glaubwürdige Alternative anzubieten, wenn Kunden nach Preismodellen, Lizenzpolitik, technischer Abhängigkeit und langfristiger Flexibilität fragen. Wer heute die Virtualisierungsplattform wechselt, entscheidet nicht über ein einzelnes Softwarepaket. Er entscheidet über die Architektur der nächsten Jahre.
KI in der zweiten Generation
Hinzu kommt KI. Viele Unternehmen haben die erste Phase der generativen KI als Experiment erlebt. Mitarbeitende testeten Tools, Fachabteilungen bauten Pilotprojekte, das Management verlangte Effizienzgewinne, und die IT musste erklären, warum sensible Daten nicht einfach irgendwo in eine fremde Plattform kopiert werden sollten. Diese Schatten-KI ist inzwischen mehr als ein Randphänomen. Sie zeigt, dass Mitarbeitende Werkzeuge nutzen, wenn offizielle Lösungen fehlen oder zu langsam kommen. Für Unternehmen ist das doppelt unangenehm: Einerseits wollen sie Innovation nicht abwürgen. Andererseits können unkontrollierte KI-Werkzeuge Datenschutz, Compliance, Geschäftsgeheimnisse und Kostenkontrolle unterlaufen. Genau hier setzt Nutanix an. Ramaswami argumentiert nicht gegen KI, sondern gegen KI ohne Betriebskonzept. Die zweite Phase der KI wird weniger durch schöne Demos geprägt sein als durch langweilige, aber entscheidende Fragen: Wer darf welches Modell nutzen? Wo liegen die Daten? Wie werden Zugriffe dokumentiert? Wie werden Kosten begrenzt? Was geschieht, wenn KI-Agenten nicht nur antworten, sondern Aktionen auslösen? Und wer stoppt eine Automatisierung, wenn sie falsch abbiegt?
Besonders interessant ist der Begriff der agentischen KI. Während klassische Chatbots auf Eingaben reagieren, können KI-Agenten Aufgaben planen, Werkzeuge nutzen, Systeme ansprechen und mehrstufige Abläufe ausführen. Das verspricht Produktivität, erzeugt aber neue Risiken. Wenn ein Agent im Hintergrund mehrere Modellaufrufe auslöst, Daten abfragt, Workflows startet und andere Systeme bedient, wird Kontrolle zur Kernfrage. Die alte IT-Welt kannte Server, Storage, Netzwerke und Lizenzen. Die neue KI-Welt kennt zusätzlich Tokens als Verbrauchseinheit. Was früher CPU-Zeit oder Speicherplatz war, kann künftig der Token-Verbrauch sein. Der CFO wird sich dafür spätestens interessieren, wenn die Rechnung nicht mehr nach Pilotprojekt aussieht, sondern nach Dauerbetrieb.
Digitale Souveränität
Für die Schweiz kommt ein weiteres Thema hinzu: digitale Souveränität. Der Begriff wird oft inflationär verwendet, doch im Kern geht es um Handlungsfähigkeit. Kann ein Staat, ein Spital, eine Verwaltung oder ein Unternehmen seine digitalen Ressourcen verstehen, kontrollieren und im Krisenfall weiter betreiben? Oder ist man von Plattformen, Rechtsräumen, Lieferanten und technischen Architekturen abhängig, die man nur noch administriert, aber nicht mehr beherrscht? Hier wird Nutanix für den Schweizer Markt interessant. Bruland sieht die Schweiz als komprimierten Testmarkt: Industrie, Pharma, Dienstleistungen, öffentliche Verwaltung, regulierte Branchen und hohe Anforderungen an Datenschutz und Verfügbarkeit. Die Schweiz ist klein genug, um nahe an Kunden und Partnern zu sein, aber komplex genug, um die grossen Infrastrukturfragen sichtbar zu machen. In diesem Umfeld reicht es nicht, Cloud als Heilsversprechen zu verkaufen. Es braucht kontrollierbare hybride Modelle, lokale Partner, klare Verantwortlichkeiten und technische Wahlfreiheit. Bruland betont dabei den Channel. Nutanix verkauft in der Schweiz nicht als isolierter US-Anbieter direkt über die Köpfe der Partner hinweg, sondern über ein Partnernetz. Man könnte sagen: nicht 100 Prozent Channel, sondern 200 Prozent. Das ist mehr als Vertriebsrhetorik. Gerade bei Migrationen, Virtualisierung, KI-Governance und hybriden Architekturen entscheidet nicht nur das Produkt, sondern die Umsetzung. Wer bestehende Umgebungen ablöst, kritische Systeme migriert oder neue KI-Infrastrukturen einführt, braucht Partner, die Kundenlandschaften kennen und nicht bloss Herstellerfolien rezitieren.
Ein gutes Schweizer Beispiel ist die Bedag Informatik AG, die für die Berner Kantonsverwaltung im Rahmen von work@BE auf Nutanix setzt. Solche Referenzen sind für Nutanix wertvoller als jedes internationale Schlagwort. Denn sie zeigen, dass es nicht nur um abstrakte Multi-Cloud-Strategien geht, sondern um Verwaltungen, die ortsunabhängiges Arbeiten, einfachere Infrastruktur und kontrollierbaren Betrieb brauchen. Gerade im öffentlichen Sektor wird digitale Souveränität erst dann glaubwürdig, wenn sie in Beschaffung, Architektur und Betrieb übersetzt wird.
Bei aller Plausibilität hatte das Gespräch aber auch eine Leerstelle: Energie. Wer über KI, Infrastruktur und Rechenzentren spricht, kann den Stromverbrauch nicht mehr als Randthema behandeln. Datenzentren werden grösser, KI-Workloads rechenintensiver, und die gesellschaftliche Akzeptanz neuer Rechenzentrumskapazitäten wird nicht automatisch mitwachsen. In der Schweiz wird bereits diskutiert, wie stark Datenzentren Stromnetze, Raumplanung und Nachhaltigkeitsziele belasten. International ist das Thema längst politisch geworden. Wenn KI zur neuen industriellen Infrastruktur wird, dann braucht sie nicht nur Chips und Daten, sondern auch Energie, Kühlung, Netze und Standorte. Nutanix kann darauf antworten, dass seine Plattform Effizienz, Konsolidierung und bessere Auslastung ermöglicht. Das ist nicht falsch. Aber es reicht nicht mehr als ganze Antwort. Die Branche muss erklären, wie KI-Infrastruktur nachhaltig betrieben werden soll und wer die Infrastrukturkosten trägt. Denn digitale Souveränität ohne Energiepolitik bleibt eine halbe Souveränität.
Es wird politisch
Das Mediengespräch in Zürich zeigte deshalb mehr als nur eine Unternehmensstrategie. Es wurde deutlich, dass die Infrastruktur wieder politisch wird. Lange Zeit galt sie als technisches Spezialthema für CIOs, Administratoren und Fachmedien. Heute berührt sie jedoch Themen wie Sicherheit, Standortpolitik, Datenschutz, Staatsfähigkeit, Energieversorgung und Unternehmensrisiken. Genau deshalb ist es wichtig, dass solche Gespräche nicht nur von einigen älteren Fachjournalisten geführt werden. Jüngere Journalistinnen und Journalisten sollten dort sitzen, Fragen stellen, nachhaken und dazulernen. Nicht, weil das Thema komplex ist, sondern obwohl es komplex ist.
Nutanix hat derzeit gute Karten. Das Unternehmen profitiert von der VMware-Verunsicherung, vom KI-Infrastrukturbedarf und vom europäischen Souveränitätsdiskurs. Ramaswami liefert die globale strategische Erzählung, Bruland die Schweizer Erdung. Doch der eigentliche Befund reicht über Nutanix hinaus: Die Debatte über KI wird zu oft an der Oberfläche geführt. Die entscheidenden Fragen liegen tiefer. In den Rechenzentren, in den Datenarchitekturen, in den Verträgen, in den Stromnetzen und in den Abhängigkeiten, die man erst erkennt, wenn man sie nicht mehr leicht lösen kann. Vielleicht war dieser Roundtable deshalb tatsächlich ein Stück Nostalgie. Aber nicht, weil die alte Medienwelt so schön war. Sondern weil sie uns daran erinnert, was Journalismus leisten müsste: hingehen, zuhören, verstehen, nachfragen, einordnen. Gerade bei Themen, die nicht laut sind, aber wichtig.
Rajiv Ramaswami – der Infrastruktur-CEO
Rajiv Ramaswami ist seit Dezember 2020 CEO von Nutanix. Er gehört nicht zu jener Sorte Tech-Manager, die erst mit der KI-Welle zur Infrastruktur gefunden hat. Ramaswami kommt aus der klassischen Enterprise-IT: Software, Cloud Services, Netzwerke, Storage, Rechenzentren und Virtualisierung. Vor seinem Wechsel zu Nutanix war er bei VMware Chief Operating Officer für Products and Cloud Services. Zuvor leitete er dort das Geschäft mit Networking und Security. Weitere Führungsstationen waren Broadcom und Cisco; frühere Karriereschritte führten ihn zu Nortel, Tellabs und IBM. Damit bringt Ramaswami genau jene Biografie mit, die in der aktuellen Lage wichtig ist. Nutanix positioniert sich nicht als weiterer KI-Hoffnungsträger mit glänzender Oberfläche, sondern als Anbieter der darunterliegenden Betriebsplattform. Ramaswamis Thema ist weniger der einzelne Chatbot als die Frage, wie Unternehmen klassische Applikationen, Cloud-Workloads, Kubernetes, Datenplattformen und KI-Anwendungen kontrolliert betreiben können. Unter seiner Führung hat Nutanix den Umbau zu einem stärker subscription-basierten Softwareunternehmen weitergeführt. In der aktuellen Marktphase hilft ihm dabei ein doppelter Rückenwind: Einerseits prüfen viele VMware-Kunden nach der Broadcom-Übernahme ihre Plattformstrategie neu. Andererseits zwingt KI Unternehmen dazu, über Governance, Kostenkontrolle, Datenhoheit und den produktiven Betrieb von Modellen nachzudenken. Ramaswami ist deshalb weniger der Verkäufer einer einzelnen Technologie als der Vertreter einer alten Einsicht, die gerade wieder modern wird: Am Ende entscheidet nicht die Demo, sondern die Infrastruktur.
Nutanix – vom HCI-Pionier zur Hybrid-Cloud-Plattform
Nutanix wurde 2009 gegründet und hat seinen Hauptsitz in San Jose, Kalifornien. Das Unternehmen wurde zunächst als Pionier der hyperkonvergenten Infrastruktur bekannt. Die Grundidee: Rechenleistung, Speicher, Virtualisierung und Management werden nicht mehr als getrennte Silos betrieben, sondern in einer softwaredefinierten Plattform zusammengeführt. Was früher ein Thema für Rechenzentrumsarchitekten war, ist heute wieder strategisch: Unternehmen wollen ihre IT vereinfachen, Abhängigkeiten reduzieren und Workloads flexibel zwischen eigenen Rechenzentren, Partnerumgebungen und Public Clouds betreiben. Heute beschreibt sich Nutanix als Anbieter für hybrides Multicloud-Computing. Die Nutanix Cloud Platform soll Unternehmen ermöglichen, Anwendungen und Daten über verschiedene Umgebungen hinweg einheitlich zu betreiben. Dazu gehören Virtualisierung, Storage, Kubernetes, Datenbankdienste, moderne Applikationen und zunehmend auch KI-Infrastruktur. Wirtschaftlich ist Nutanix längst kein Start-up-Pitch mehr. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 meldete das börsenkotierte Unternehmen 703,1 Millionen Dollar Umsatz. Der Annual Recurring Revenue lag bei 2,43 Milliarden Dollar. Für das gesamte Geschäftsjahr 2026 stellte Nutanix einen Umsatz von 2,82 bis 2,84 Milliarden Dollar in Aussicht. Strategisch steht Nutanix an einer günstigen Schnittstelle: VMware-Kunden suchen Alternativen, Unternehmen wollen KI nicht nur testen, sondern betreiben, und in Europa wird digitale Souveränität vom politischen Schlagwort zur realen Beschaffungsfrage. Genau in diesem Dreieck versucht Nutanix, sich als kontrollierbare Plattform für die nächste Unternehmens-IT zu positionieren.























