Richard Strauss' SALOME am Theater Winterthur (Foto Marina Kamm)
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Ohne dass es sich erklären lässt, berührt in dieser bekannten OPER von Richard Strauss vieles, dass sich nicht auf Anhieb erklären lässt. Denn es werden damit stets aufs Neue erschreckende Schichten angesprochen. Auf der einen Seite diese Frau, welche den Kopf des Mannes will. Andererseits spielt auch das Thema Verführung eine starke Rolle: Nicht nur Salome kann gegenüber Narraboth oder ihrem Stiefvater verführerisch sein, auch Jochanaan will die Leute verführen.

Katholisch Erzogene und Aufgewachsene dürften zudem an den religiösen Aspekten interessiert sein. Auch das Zusammenspiel von Musik und Text scheint mir absolut kongenial. Und ebenso steckt eine Mischung aus verzerrter Komik und Tragik darin. Zwar ist der Grundkonflikt der Geschichte höchst brutal, die Hälfte der Hauptfiguren am Schluss tot. Dennoch ist das integrale Stück auch satirisch mit Situationskomik umgesetzt. Es ist diese Hilflosigkeit, mit welcher Menschen es nicht schaffen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Ins Extrem wird dies gar mit der Enthauptung Jochanaans getrieben. In Strauss‘ Oper wird Alltägliches bewusst dermassen überzeichnet, dass es tatsächlich spürbar wird: Stiefpapa, Mama und Tochter u.a. als Familiengeschichte.

Es soll damit herausgefunden werden, worin der Witz hilfloser Menschen liegt, welche nicht zurechtkommen und von ihren Gefühlen überrollt werden. Bei Salome geschieht dies am deutlichsten: Sie gerät in einen Rausch ob dieses roten Mundes des Jochanaan, den sie unbedingt küssen will. Was zu beobachten geardezu überwältigend ist. Unmittelbar sind darin auch eigene Defizite zu erkennen und zu merken, wo man seine Gefühle nicht im Griff hat. Wie man sich verlieren kann, zeigt uns Salome in aller Deutlichkeit auf, denn sie ist richtig gefährlich! Viele Junge Menschen haben das Bedürfnis nach einer Ordnung, bzw. nach Religiosität, welche in Fanatismus umschlagen kann.

Der Orchestergraben (Bild von Marina Kamm)

Mittlerweile in vielen Ländern der Welt sind Enthauptungen ein hochaktuelles Beispiel: Erschütternd, wie ein junger Mensch in solch eine Spirale gerät, keinen Beistand hat, um mit seinen Gefühlen umzugehen und von Erwachsenen darin manchmal gar noch bestätigt wird. Grausam wie ein junger Mensch zum Attentäter sowie vom Opfer zum grausamen Täter wird. In der Oper Salome werden politische Gedanken und endlose Assoziationsketten entfacht. Fanatismus lässt sich ja auch als extreme, nicht beherrschbare Gefühlswallungen sehen. Die Menschen denken, dass es sich dabei um die Sache oder Macht geht, aber in Wirklichkeit geht es um unkontrollierbare Triebe. Diese werden wohl immer eine Geisel der Menschheit bleiben, da sie einen in uns befindlichen Basisfehler bilden: Unter gewissen Voraussetzungen können wir höchst erbarmungslos und grausam sein. Vor diesen Gefühlen ist keiner gefeit.

Die Besetzung der Rollen bringt die Handlung auf den Punkt: Bei den Sänger*innen spürt man die Gegensätze zwischen Kind und seinem Verhältnis zum wild gewordenen Stiefvater Herodes und der verrückten Mutter Herodias. Die unfassbare Familien-Konstellation mit ihren seltsamen Begierden wird auf eine Art heiligenbildartige Weise gezeigt. Sie spiegelt sich auch im Bühnenbild wider, in dem der Raum auf zwei grosse goldene Throne reduziert ist – einen für Herodes, einen für Herodias. Während dessen sitzen die Eltern auf dem Thron, das Kind balgt am Boden ‚rum und aus dem Boden guckt immer der Kopf eines Propheten ‚raus, der ständig den Schrecken heraufbeschwört. Mithin eine Brücke zu unserem Alltag, bei welchem uns von Dauer-TV’s und -Radios jeden Tag die grässlichsten Vorfälle inklusive FakeNews eingehämmert werden. Was Gutes wird uns selten vorausgesagt. Dieser medial gezüchtete Pessimismus prägt uns tiefgreifend und lässt uns im schlechtesten Fall irgendwann selbst Schreckliches begehen…

 

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