Ein biografisches Kaleidoskop der fesselnden Sonderklasse von Hanspeter Bäni, dem Star unter den Dokumentarfilmern ohne Allüren, aber voller Empathie. Obend’rein ebenso schreibstilistisch elegant verfasst und mit jeder Zeile ereignisreichst atemberaubende Literatur des Regisseurs, Kameramanns und Produzenten in Personalunion: Es geht dabei um Überlebenskünstler, Visionäre sowie Menschen am Rande der Gesellschaft.
Die von Bäni tatsächlich integral sowie meist mit unvorsehbarem Ausgang durchlebten Abenteuer sind vielseitigst dermassen spannend, dass es kein leichtes Unterfangen ist, diesen rezensierend stets gerecht zu werden. So etwa wenn er Begegnungen mit exotischen Völkern, schrillen Individuen und verqueeren Persönlichkeiten in Kriegen und/oder riskanten Reisen inmitten von Krisengebieten ferner Länder schildert, was im Hinterkopf interessierter Leser eindrückliche Bilder entstehen lässt.
In atmosphärisch verdichteter Erzählweise illustriert er darin beispielsweise unter dem Titel Immer wieder Afrika – Projekte auf dem Kontinent der Extreme „spontane Lebensfreude, welche aber auch jederzeit in rohe Gewalt umschlagen kann. Einerseits unberührte Natur neben andererseits von menschlicher Zerstörung gezeichnete Landschaften.“ Alles flösse nebeneinander, gegeneinander und ineinander ohne Vorwarnung. Denn „ambitionierte Filmedreher warten ja gerade auf magische Momente, die sich aus heiterem Himmel ereignen und einer Reportage zusätzliche Authentizität verleihen“, so Hanspeter.
Im Subtitel „Kampf gegen Erwartungen“ unter Die Schatten der Vergangenheit ist zu lesen, wie Hanspeter’s autoritärer und geradezu züchtigender Vater sowie die deswegen Alkohol, Zigaretten und Medikamenten verfallene Mutter (beide verstorben) indirekt seine zukünftige Arbeit prägte. Papa hatte klare Vorstellungen davon, dass Sohnemann in vermeintlich sichere Häfen mit Stellen wie Banker, Kaufmann, Beamter oder Polizist segeln sollte. Letzterer wollte als kreativer, nicht unbegabter Zeichner vielmehr die Kunstgewerbeschule besuchen, was für Vater „undenkbar“ war. Aber Bäni sah offenbar die Stationen einer freudlosen Karriere bis zur Pensionierung vor sich: „Mühsamer Broterwerb. Vier Wochen Urlaub pro Jahr. Heirat. Kinder. Bauvertrag. Eigenheim. Altersvorsorge. Rasen mähen. Auto putzen. Mit Schürze bekleidet Würstchen grillieren. Mit dreissig innerlich sterben, aber erst mit neunzig begraben werden.“ Vorerst unterschrieb er dann aber doch einen Ausbildungsvertrag als Bauzeichner.
Mit achtzehntem Jugendjahr erfolgte auf Umwegen dann der Befreiungsschlag, indem Hanspeter – Vater hielt dessen „mitten in der Nacht noch etwas essen“ für ein „Vergehen“ – vom gestrengen Papa an den Haaren gepackt wurde, jedoch erstmals zurückschlug und darum aus elterlichem Hause geworfen wurde. Zwei Wochen später zog Bäni in eine bescheidene Mansarde eines alten Hauses: Zwar windig und kühl, aber „ich genoss es, den Kühlschrank jederzeit ohne Angst vor Ärger zu öffnen.“ Allerdings nagten negative Erfahrungen aus Kindheit und Jugend noch lange an ihm. Weshalb er sich in die Meditation vertiefte, welche den Schlüssel zu mehr Glück im Leben bilden sollte.
Als Reiseleiter war er etwas später sodann immer wieder zu Gast in Radiosendungen, erhielt schliesslich Angebote als Moderator der damaligen Radio’s Eulach sowie Argovia und wechselte 1997 zum Fernsehen. HP: „Beim nächsten Schritt als Filmemacher, war es relativ einfach, per Kamera die Entrittskarte in unterschiedliche Vorstellungen des Lebens zu erhalten“. Bald verfolgte Bäni filmisch – selbstredend nebst weiteren DOK-Projekten – insgesamt 14 Jahre den Betrüger Josef Jakob. Zwar passte dies damaliger Redaktionsleiterin von SRF DOK nicht, der Streifen wurde aber vom SRF-Sendegefäss REPORTER höchst willkommen ausgestrahlt. Dieser kam nicht nur beim TV-Publikum gut an, „sondern ging selbst in den sozialen Medien durch die Decke. Allein auf YouTube wurde das sechzig Minuten lange Werk weit über eine halbe Million mal angeklickt.“
Die geneigte Leserin/der geneigte Leser stellen im Buch alsbald fest, dass Buchautor Bäni seine unter die Haut gehenden Erlebnisse stets fragmentarisch, aber bewusst keineswegs chronologisch, sondern nach zusammenpassender Thematik aufbaut: Zwar keineswegs jederfrau’s /mann’s Sache, jedoch insofern sinnvoll, weil damit die Spannungsbögen im Laufe der Lektüre optimal erhalten bleiben!
Nachstehend mit dazu gehörenden Untertiteln sowie zwischen Anführungs- und Schlussstrichen weitere Leseproben aus dem literarischen Tatsachen-Reisser Hanspeter Bäni’s:
Suter und die Einbrecher
„Auch das Fitnessstudio erwies sich als guter Ort für Inputs: Muckibuden sind für mich der heutige Dorfplatz, wo Klatsch und Tratsch genauso wichtig sind wie Hanteln stemmen. Darum fiel mir dort eines Tages ein Typ auf, der wie ein Duracell-Häschen Klimmzug um Klimmzug ausführte, ohne zu ermüden.“ Namens Max Suter jagte dieser mit Team Einbrecherbanden, und Protagonist Bäni konnte sich per Nachtarbeit dafür einklinken. So gelang es erstbenanntem, rumänische Einbrecher einer Bande in flagranti zu ertappen. Nachdenklich stimmte Hanspeter beim unwesentlich später mit dem Verhafteten erfolgten Interview die Aussage, er finde die Untersuchungshaft in Aarau super: Er bekomme dreimal am Tag warmes Essen, habe ein eigenes Zimmer mit Aussicht und sogar einen Fernseher… Worauf der Rumäne seiner Frau einen Brief mit Inhalt „Bitte begehe eine Straftat im Aargau, um in den Genuss eines Gefängnisaufenthaltes in der Schweiz zu kommen.“ Man müsse zwar etwas arbeiten, erhalte dafür jedoch Geld und könne gratis eine Ausbildung absolvieren…

ZWISCHEN DEN FRONTEN – als Reporter im Zentrum von Unruhen
Zuweilen fand sich Bäni an Orten wieder, an denen Geschichte geschrieben wurde. Allerdings hat dieses Vorrecht, am Puls der Zeit zu sein, bekanntlich seinen Preis: „Ich erlebte brutale Szenen, vor denen selbst der Blick durch die Kamera keinen Schutz bot: Gummigeschosse pfiffen durch die Luft, Wasserwerfer rissen Menschen zu Boden, Schüsse fielen.“ So als sich im Frühjahr 2010 die Unruhen in Thailands Hauptstadt Bangkok zuspitzten: „Bereits zu Beginn derselben waren mehrere Journalisten und Medienvertreter durch Kugeln oder Granatsplitter ums Leben gekommen. Über 90 Demonstrierende starben.“
Oder Oktober 2000 in Belgrad beim politischen Umbruch, wo vereint im Ruf nach Wandel Hunderttausende die Strassen gestürmt hätten, deren Zorn sich gegen Präsident Slobodan Milosevic richtete, welcher seine verlorene Wahl nicht akzeptieren wollte…
Auch im früher teil-sozialistischen Argentinien stand die Wirtschaft am Rande des Abgrunds, als der Peso vom US-Dollar entkoppelt wurde, um die Rezession zu überwinden und wirtschaftliche Stabilität zurückzugewinnen. Was zu beispielloser Staatskrise führte und Bäni – für einmal in Kooperation mit einem argentinischen Kameramann – von „Rundschau“-Chef Ueli Haldimann als sog. „Host“ nach Buenos Aires entsandt wurde: „An Ort drängten sich – getrieben von Hunger und Hoffnungslosigkeit – rund 1’000 Verzweifelte vor einem Grossmarkt; inmitten des Zusammenbruchs bildeten sich vor den Banken hunderte Meter lange Schlangen verzweifelter Menschen, die an ihre Ersparnisse gelangen wollten. Doch die Geldhäuser blieben geschlossen. Damit nahm ein erbitterter Kampf ums Überleben seinen Lauf und Plünderungen von Supermärkten wurden zur neuen Realität.“

TABUTHEMEN – auf der Suche nach unbequemen Wahrheiten
„In den Redaktionen des Fernsehens stiessen meine Filmideen manchmal auf Skepsis und es gab Zweifler.“ Aber er hätte sich über Konventionen hinweggesetzt, wenn er einen tieferen Sinn darin sah und die Themen der Wahrheitsfindung dienten. So etwa die Reportage in „IV-Missbrauch, 2003“ über Invalidenversicherungsbetrüger:
Scheininvalide
„Die Diskussion anlässlich einer Redaktionssitzung war ein Moment der Konfrontation, der mich nicht nur an meine Überzeugung erinnerte, dass Journalismus der Wahrheit verpflichtet ist, sondern auch an die Veranwortung, jenseits von politischen und persönlichen Interessen unvoreingenommen zu berichten.“
Seltsame Gründe für eine IV-Rente
„“Zur Zeit meiner Dreharbeiten lautete die offizielle Statistik dazu: 35 Prozent der IV-Bezüger:innen waren Nicht-Einheimische, obwohl nur rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung Zuwanderer waren: Dank dieser Infos nahm ich die Betrugssuche in Gemeinden auf, in denen viele Immigranten lebten. Fündig wurde ich im Aargau, wo fast jede zweite Person aus dem Ausland stammt. Beim Bahnhof einer Gemeinde sprach ich einen Mann im Freizeitanzug an, der sich als Marokkaner zu erkennen gab. Offenbar etwas „gebauchpinselt“, wurde ich von ihm spontan zu Filmaufnahmen eingeladen: Der 45-Jährige lebte mit Frau und zwei Kindern in einer Vierzimmerwohnung, die vom Staat bezahlt wurde.““
Bei einer Tasse Tee hätte sich der gelernte Schlosser enerviert, dass ihm die IV-Stelle eine Arbeitsstelle in der Werkstatt eines Behindertenheims angeboten habe. Er nehme das Angebot keinesfalls an, da er in einem Heim mit körperlich oder geistig eingeschränkten Menschen durchdrehen und die Stelle einen erheblichen finanziellen Verlust mit sich bringen würde.
„Als IV-Bezüger erhielt er monatlich 5’800.- CHF inkl. Ergänzungsleistungen und musste weder Miete noch Krankenkassenprämien bezahlen. Diese Kosten hätte er als Heimmitarbeiter selbst tragen müssen. Zudem wäre sein Lohn mit 5’000.- CHF geringer gewesen. Wer wollte ihm verübeln, dass er die Integration in die Arbeitswelt ablehnte? Ihm schien schlicht der Anreiz zu fehlen…“.
Um dem bei solchermassen Aufdeckung von delikaten Misständen oftmals kolportierten Verdacht „bestimmt nur ein Einzelfall“ zum Vorneherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, überprüfte Protagonist Bäni weitere, nahezu identisch verlaufene Fälle; diese führten letztlich dazu, dass die „Rundschau“ die Reportage im Dezember 2003 ausstrahlte: „Bereits am nächsten Tag wurde ich von einer Welle der Kritik aus linken Kreisen überrollt, denn für sie gab es keinen IV-Missbrauch. Selbst die Nationale Ethikkommission wandte sich zunächst mit einer Beschwerde an die Ombudsstelle und danach an die Unabhängige Beschwerdeinstanz. Beide Prüfungsorgane gelangtem zum Schluss, dass die Programmbestimmungen nicht verletzt wurden.“ Wenige Monate danach begann der Bundesrat 2003 mit der Erarbeitung der Eckwerte für die 5. IV-Revision: Man wolle die stetig steigende Zahl neuer IV-Rentenfälle senken, so Bundesbern…
Filme im Schubladenstaub – Hintergründe zu nie ausgestrahlten Werken
Beeindruckend auch Bäni’s geschichtliches Hintergrundwissen. Etwa, wenn er als Reporter über ein im Amazonas gestrandetes Schiff berichten sollte: „“In der Region des Zusammenflusses des Rio Coca in den Rio Napo begann im 16. Jahrhundert der spanische Konquistador Francisco de Orellana seine berühmte Expedition auf der Suche nach dem sagenumwobenen „El Dorado“. Zwar fand er bei dem Unterfangen nie das legendäre Goldland, doch entdeckte die Mündung des Amazonas in den Atlantischen Ozean.““
Die beim Protagonisten aus Frust über nie ausgestrahlte Reportagen entstanden wesentliche, ebenso überzeugende Erkenntnis , „oftmals sind es nicht die Erfolge, die uns formen, sondern gerade jene Vorhaben, welche nicht gelingen: Der Kontrolle über den Verlauf der Dinge ist häufig eine fragile Gewissheit inne und im Scheitern liegt eine stille Weisheit – die Fähigkeit, loszulassen.“
Und weiter: „Die unstillbare Sehnsucht nach Amerika trieb mich dazu, kurz nach meinem zwanzigsten Geburtstag die Arbeit als Konstruktionszeichner zu kündigen, das Mansarden-Studio aufzugeben und das Sparkonto zu plündern. Ich kaufte ein Flugticket und flog in die USA. Mein Plan war, nach sechs Monaten heimzukehren. Am Ende wurden es fast vier Jahre mit nur wenigen kurzen Unterbrechungen.“
Wie sämtliche Tatsachen-Berichte von Bäni überaus spannend, wie er zwecks Geldbeschaffung für seine ausgedehnten Reisen in den weiten Landschaften der USA und Kanadas auf Farmen arbeitete: Er verlegte Pipeline-Röhren für Bewässerungssysteme, pflückte Pfirsiche und half einem Goldgräber in den Bergen Kaliforniens bei der Suche nach dem kostbaren Edelmetall. Später schrieb er Reiseberichte, die in kleinen Schweizer Zeitungen veröffentlicht wurden, womit er Schritt für Schritt seine Weiterreise finanzierte. Ende 1981 in die Schweiz zurückgekehrt, gründete er einen Grosshandel für indigenes Kunsthandwerk, wofür bald Kunden wie Möbel Pfister und Interio zu seinen Abnehmern von Wandteppichen aus Ecuador gehörten.
Nebenbei war er wiederholt als Reiseleiter für Reiseunternehmen wie Kuoni, u.a. auch im Dienste von „Incentive“-Reisen für Grossunternehmen aktiv. Buch-Untertitel wie „Höllentrip im Amazonas“, „Fluch des Schamanen“, „Dschungel der Angst“ und „Im Griff der Verwünschungen“ mit „Erlösung in Stuttgart“ fordern geradezu permanent zum Weiterlesen heraus!
Auch nur Menschen – die verborgenen Seiten des Ruhms…
…wiederum, klären unter „Walter Roderer’s stiller Schmerz“ und „Die andere Seite des Stars“ sowie „Denken, lachen, verfallen“ und „Innere Leere“ zu Polo Hofer über die Schattenseiten von Schweizer Berühmtheiten und einer deutschen DJane namens Fidelity K. mit Titeln „Königin der Nacht“ und „ein schmerzhafter Auftritt“ auf.
Vom Ende des Gewohnten – mit der Kamera zum Neuanfang
Ende 2021 beendete Hanspeter Bäni seine Arbeit als Videojournalist für SRF, bleibt jedoch dem Dokumentarfilm treu. 2023 war sein Film „Ihr könnt‘ jetzt gehen“ mit grossem Publikums- und Medien-Echo in über 40 Schweizer Kinos und in Deutschland zu sehen.
„Wenn man als Neurentner bereits vergangene Lebensjahre mit der Zeit vergleicht, die einem laut Statistik noch bleibt, hat man/n eigentlich nur zwei Optionen: Spiritualität oder Spirituosen!“, so eine der ins Schwarze treffenden Philosophie des Protagonisten. Und weiter: „65-jährige haben durchschnittlich noch 10 gesunde Jahre vor sich. Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer in der Schweiz liegt knapp unter 82 Jahren.“
Soweit die Auszüge zum inhaltlich enormen Monumentalwerk voller Substanz und Relevanz des Ausnahme-Reporters Hanspeter Bäni, gedacht für Freund:innen tatsächlich und wahrhaftig erlebter Abenteuer fern jeglicher Phantasie: Kurz biografische Literatur „par excellence“: Davon zeugen über 70 Reportagen und Dokumentarfilme, welche jederzeit auf SRF-Play, in der 3sat-Bibliothek auf YouTube sowie http://www.hanspeterbaeni.ch abrufbar sind. Diese wurden mehrfach ausgezeichnet und unter anderem mehrmals mit dem Medienpreis Aargau/Solothurn prämiert!
Zum Abschluss dieser Buch-Besprechung nochmals Bäni: „Meine Tätigkeit als Dokumentarfilmer empfand ich nie als Arbeit, sondern Berufung. Ein Privileg, für das ich dankbar bin.“

























