Kaum eine Medienmitteilung kommt ohne künstliche Intelligenz aus. Sie baut Websites, beschäftigt Personalabteilungen und liefert neue Argumente für Sicherheitsprodukte. Während Bill Gates vor einer Milliarde möglicher Todesopfer warnt, zeigen aktuelle Unternehmensmeldungen, wo die Herausforderungen im Alltag tatsächlich liegen.

Wer derzeit ein Redaktionspostfach öffnet, könnte meinen, die Wirtschaft habe sich auf ein einziges Thema verständigt. KI hilft, KI beschleunigt, KI bedroht. Und selbstverständlich gibt es für jede neue Gefahr bereits ein passendes Angebot. Zwischen nützlicher Anwendung, berechtigter Sorge und geschäftstüchtiger Dramatisierung verschwimmen die Grenzen. Die Medienmitteilungen von Dell Technologies und PwC, ein Sicherheitsbeitrag der AXA sowie ein Angebot von Hostpoint ergeben dazu ein aufschlussreiches Bild.

Für die grösstmögliche Fallhöhe sorgt allerdings Bill Gates. Der Microsoft-Mitgründer erklärte in der NBC-Sendung «Meet the Press», KI sei mächtig genug, Ereignisse auszulösen, die eine Milliarde Menschen das Leben kosten könnten. Er bezog sich dabei auf Menschen mit bösen Absichten, die solche Werkzeuge missbrauchen, und verlangte verbindliche Schutzmassnahmen. Eine Vorhersage von einer Milliarde Toten war das nicht. Diese Unterscheidung geht in der Schlagzeile leicht verloren.

Trotzdem darf man fragen, ob derart monumentale Zahlen der Debatte helfen. Eine Milliarde Tote: Das ist eine Dimension, neben der jede nüchterne Diskussion über Wahrscheinlichkeiten und konkrete Vorkehrungen verblasst. Selbst bei einem sonst analytisch auftretenden Technologievordenker scheint das Thema die sprachlichen Sicherungen zu strapazieren. Risiken verdienen Aufmerksamkeit. Wer sie in apokalyptische Grössenordnungen übersetzt, schuldet dem Publikum aber auch eine nachvollziehbare Einordnung.

Hostpoint bietet KI

Im Unternehmensalltag beginnt die Auseinandersetzung erheblich unspektakulärer. Hostpoint etwa bewirbt einen KI-Assistenten für WordPress. Einige Textanweisungen sollen genügen, um in wenigen Minuten einen weitgehend fertigen Website-Entwurf mit Texten und Bildern zu erhalten. Auch Anpassungen sollen sich per Eingabe erledigen lassen, ohne vertiefte Programmier- oder Designkenntnisse.

Das ist zunächst ein verständliches Nutzenversprechen: weniger Aufwand beim Start einer Website. Für einen kleinen Betrieb kann das durchaus interessant sein. Ob daraus ein überzeugender Internetauftritt wird, entscheidet sich allerdings weiterhin an Inhalt, Qualität und Glaubwürdigkeit. Ein automatisch formulierter Text weiss noch lange nicht, was ein Unternehmen besonders macht. Und ein hübscher Entwurf ersetzt niemanden, der Angaben prüft und Verantwortung für die Veröffentlichung übernimmt.

Genau dort wird es spannend: Sobald KI mehr darf, als Vorschläge zu liefern, wachsen die Anforderungen an ihre Kontrolle. Dell Technologies beschreibt in seiner aktuellen Mitteilung den Übergang vom Sprachmodell zum handelnden KI-Agenten. Solche Systeme können Daten abrufen, Anwendungen nutzen und Arbeitsabläufe auslösen. Ein Fehler bleibt dann unter Umständen nicht auf dem Bildschirm stehen, sondern wirkt sich unmittelbar auf den Betrieb aus.

Dell und die Bedrohungslage

Dell fordert in seinem Beitrag deshalb klar zugeordnete Identitäten, eng begrenzte Berechtigungen und nachvollziehbare Aktivitäten. Unternehmen sollen feststellen können, welche Informationen ein Agent verwendet und welche Änderungen er vorgenommen hat. Ebenso wichtig seien Möglichkeiten, unerwartete Aktionen zu stoppen und nach einem Vorfall einen vertrauenswürdigen Zustand wiederherzustellen. „Mit der zunehmenden Autonomie von KI verschiebt sich die Bedrohungslage. Entscheidend ist die Kontrollierbarkeit des gesamten Systems – von der Infrastruktur über Daten und Identitäten bis hin zu den Aktionen eines Agenten und der Fähigkeit, einen kompromittierten Zustand zuverlässig zu beenden und den ursprünglichen wiederherzustellen“, sagt Christian Scharrer, Lead Architect und CTO Ambassador bei Dell Technologies.

„Unternehmen müssen ihre Schutzmassnahmen schärfen. Unabdingbar sind eine abgesicherte Infrastruktur, vertrauenswürdige Daten, eindeutig zugeordnete Identitäten, kontrollierte Aktionen und belastbare Recovery-Prozesse. Erst wenn diese Ebenen zusammenspielen, lässt sich KI in geschäftskritischen Umgebungen kontrolliert betreiben.“ erklärt er weiter.

Christian Scharrer, Lead Architect und CTO Ambassador bei Dell Technologies(Dell Technologies)

Das klingt weniger aufregend als die Debatte über das Ende der Menschheit. Für eine Geschäftsleitung dürfte es vorerst relevanter sein. Wer einem digitalen Helfer weitreichende Zugriffsrechte gibt, muss wissen, weshalb er diese benötigt. Und wer Prozesse automatisiert, sollte vorher klären, wie sie im Fehlerfall angehalten werden. Die Begeisterung über eingesparte Arbeit entbindet niemanden von dieser Führungsaufgabe.

AXA bekämpft den Betrug

Auch die AXA richtet den Blick auf greifbare Gefahren. In ihrem Beitrag zu Cyberangriffen beschreibt sie, wie KI betrügerische E-Mails überzeugender und persönlicher machen kann. Hinzu kommen nachgeahmte Stimmen, mit denen sich Kriminelle als Führungskräfte ausgeben, sowie gefälschte Websites. Eine vertraut klingende Zahlungsanweisung kann damit zum Problem werden. Dafür braucht es keine allmächtige Maschine, sondern einen glaubwürdigen Betrugsversuch im falschen Moment. Bemerkenswert ist, wie oft die Antworten auf neue Gefahren an bekannte Versäumnisse erinnern: Mitarbeitende schulen, Zugriffe kontrollieren, Software aktuell halten und Sicherungen überprüfen. KI verändert die Möglichkeiten der Angreifer. Sie macht sorgfältige Organisation deshalb umso dringlicher. Ein zusätzlich gekauftes Werkzeug allein wird diese Arbeit kaum erledigen.

Noch deutlicher zeigt sich der organisatorische Nachholbedarf in der von PwC veröffentlichten Studie «Global Workforce Hopes and Fears 2026». Dafür wurden 49’364 Beschäftigte in 48 Ländern und Regionen befragt. Laut der Mitteilung haben 64 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten KI bei der Arbeit eingesetzt, ein Plus von zehn Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Der Anteil der täglichen Nutzer generativer KI stieg von 14 auf 22 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil jener, die nach eigener Einschätzung Zugang zu den benötigten Weiterbildungs- und Entwicklungsressourcen haben, von 59 auf 51 Prozent. Die Nutzung nimmt also zu, während die Unterstützung zurückgeht. Man muss kein Technologiepessimist sein, um darin einen Widerspruch zu erkennen. Wer mehr Anpassung verlangt, muss den Beschäftigten auch Gelegenheit geben, die nötigen Fähigkeiten aufzubauen.

PwC beschreibt zudem eine Belegschaft mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. 56 Prozent ordnet die Studie einer Gruppe zu, deren Fähigkeiten weniger knapp sind und die bei KI noch nicht weit fortgeschritten ist. Von dieser Gruppe berichten lediglich zwei von fünf über ausreichenden Zugang zu Lernressourcen. Gleichzeitig halten 29 Prozent der besonders KI-versierten «Vorreiter» einen Arbeitgeberwechsel im nächsten Jahr für sehr oder äusserst wahrscheinlich. Unternehmen riskieren damit, einen grossen Teil ihrer Mitarbeitenden zurückzulassen und besonders gefragte Kräfte zu verlieren.

Natürlich sprechen hier auch Anbieter mit eigenen Interessen. Dell verkauft Technologie, AXA Versicherungsschutz, PwC Beratung und Hostpoint Hosting. Ihre Hinweise können trotzdem zutreffen. Die gemeinsame Botschaft dieser Meldungen ist jedenfalls konkreter als die nächste Weltuntergangsschlagzeile. Unternehmen müssen entscheiden, welche Aufgaben KI sinnvoll übernimmt, welche Rechte sie dafür erhält und wie Menschen mit ihr arbeiten lernen. Das verlangt Zeit, Geld und Urteilskraft. Vielleicht wäre bereits viel gewonnen, wenn die Aufmerksamkeit dafür ähnlich gross wäre wie für die nächste spektakuläre Warnung aus dem Silicon Valley.

Grosses Bild: Ryan Gosling and Ana de Armas in Blade Runner 2049 (WarnerBros)

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