KI wird zur Infrastruktur – und plötzlich wirken Gadgets wieder wie Werkzeuge statt wie Spielerei: Genau dieses Gefühl blieb von der CES 2026 in Las Vegas hängen. Mit über 148’000 Besucherinnen und Besuchern, 4100 Ausstellern und rund 1200 Start-ups zeigte die Messe eine Branche, die sich vom reinen „Showroom-Futurismus“ wegbewegt. Vieles, was hier präsentiert wurde, zielt darauf ab, in Monaten statt in Jahren im Alltag anzukommen. Und das grosse Schlagwort KI ist zwar überall, wirkt aber weniger wie ein einzelnes Feature – eher wie eine neue Basisschicht, die Geräte, Daten und Services miteinander verzahnt.
Diese Verschiebung zeigte sich bereits im Grundton vieler Präsentationen: KI soll nicht mehr nur antworten, sondern im Hintergrund mitdenken – möglichst dort, wo die Daten entstehen. Darum investieren Hersteller spürbar in On-Device-Intelligenz. Lokal verarbeitete KI ist nicht nur ein Datenschutz-Argument, sondern auch ein Stabilitäts- und Latenzvorteil: Funktionen laufen schneller, zuverlässiger und oft auch dann, wenn die Cloud gerade nicht zur Verfügung steht.
Parallel wächst die Idee von KI-Agenten: Statt klassischer Chatbots entstehen Systeme, die Aufgaben koordinieren und Kontexte über mehrere Geräte hinweg weiterreichen. Lenovo sprach mit „Qira“ genau diesen Punkt an – als persönliches System, das Informationen und Aufgaben über PCs, Smartphones und Tablets hinweg verbindet. Für die IT-Branche ist das mehr als ein nettes UI-Update: Agenten berühren Identitäten, Berechtigungen, Geräteverwaltung und Datenhaltung – und damit Security. Das ist eine CES-Story, die zunächst unspektakulär wirkt, langfristig aber vermutlich den grössten Impact hat.
Smart Home
Am deutlichsten wurde der neue Pragmatismus im Smart Home. Dort setzt sich 2026 ein Prinzip durch: Interoperabilität schlägt Einzel-Apps. Matter wird dabei zur gemeinsamen Sprache – und Thread im Niedrigenergie-Bereich zur Funkbasis, auf der sich das Versprechen „einmal einbinden, überall nutzbar“ realistisch anfühlt. Aqara treibt den Ansatz in Richtung „Spatial Intelligence“: Räume sollen als Kontext verstanden werden – mit Präsenz-, Klima-, Licht- und Sicherheitsdaten, die Automationen intelligenter machen. Neue Hubs und Sensoren, darunter mmWave-Präsenzsensorik, passen genau in diese Richtung.
Philips Hue zeigt denselben Trend mit einem anderen Fokus: Wer Beleuchtung skaliert, will weniger Bastelarbeit und mehr Planbarkeit. Mit AR-gestütztem Setup („Spatial Aware“) sollen Leuchten präziser im Raum platziert werden, und eine angekündigte „Bridge Pro“ signalisiert, dass selbst Licht im Consumer-Segment zunehmend infrastrukturell gedacht wird. Auch Energie rückt in den Mittelpunkt: Homey knüpft enger an EcoFlow an, um Home-Automation mit Speicher und Lastmanagement zu verbinden – ein Thema, das in der Schweiz mit PV-Ausbau, dynamischeren Tarifen und steigender Speicher-Nachfrage besonders gut resoniert.
Und selbst bei Sicherheit zeigt sich der Reifeprozess: SwitchBot betont Matter-Kompatibilität etwa im Smart-Lock-Umfeld – Smart Locks verlassen die Bastlerecke und werden Plattformbestandteil. Sogar der Garten folgt dieser Logik: Roboterrasenmäher wie Segway Navimow demonstrieren, wie „smart“ ohne Begrenzungskabel, dafür mit RTK-Positionierung, Kamera/LiDAR und mehr Autonomie aussieht. Unterm Strich ist das Smart Home 2026 weniger „noch ein Gerät“, sondern mehr Systemdesign: Standards, präzisere Raumlogik, Energie als Steuergrösse – und mehr lokale Intelligenz.
Displays werden Schaltzentralen
Auch bei Displays und Entertainment war der rote Faden weniger „größer, heller“, sondern technisch konsistenter: RGB-Backlights (Mini/Micro) als Weg zu höherem Farbvolumen und Effizienz tauchten markenübergreifend auf. Samsung inszenierte seine Vision unter „Your Companion to AI Living“ und zeigte einen Micro-RGB-TV als Bühne für „Vision AI“, also freihändige Interaktion und kontextbezogene Infos per Sprache. Gleichzeitig beschrieb die Digitec-Analyse zum LG-Line-up denselben Branchentrend mit dem Hinweis, dass Micro-RGB evo Teil eines CES-weiten Pushs sei – von LG bis Samsung, Hisense und TCL. Interessant daran ist die Verbindung von Technik und Wohnraumlogik: Displays werden zu Schaltzentralen, an denen sich Entertainment, Smart Home und Services verdichten.
Ein weiterer CES-Strang waren Wearables, vor allem KI-Brillen. Statt futuristischer Prototypen geht es 2026 auffällig oft um Leichtigkeit, Modularität und Alltagstauglichkeit: XGIMI, bisher vor allem als Projektorhersteller bekannt, zeigte mit „MemoMind“ eine Brillenserie, die Übersetzen, Zusammenfassen und Notizen als „Air-Display“-Use-Cases ins Sichtfeld bringt – mit modularem Ansatz und hybrider Architektur. Reuters ordnet gleichzeitig ein, dass Lenovo in diesem Feld ebenfalls Richtung KI-Brillen und Wearable-Assistenten denkt. Für IT-Reseller und Systemhäuser stellt sich damit nicht primär die „Wow“-Frage, sondern die der realen Use-Cases: Field Service, Logistik, Live-Übersetzung, Compliance-Notizen, Micro-Learning – plus die harte Klammer aus MDM, Identitätsmanagement und Security.
Dazu passt das Trendwort „Physical AI“: KI, die nicht nur Texte generiert, sondern in Robotik, Mobilität und Logistik „handelt“. Viele Setups wirkten weniger wie Show als wie Blaupause für Produktion und Warehousing – und bestätigten die Grundstimmung der Messe: KI wandert aus dem Bildschirm in Prozesse, Räume und Bewegungen.
3D und KI
Selbst die Maker-Ecke zeigte diesen Pragmatismus. 3D-Druck ist zwar nicht mehr der alleinige CES-Taktgeber, lieferte aber Signale wie KI-gestützte Multi-Color-Ansätze und kompaktere Metall-Extruder-Lösungen. Das ist relevant für IT und Bildung, weil daraus neue Angebote entstehen können – von Content-Erstellung über Prototyping bis zu Ersatzteilen und „Maker“-Services für Schulen oder MSPs.
Und Lego? Ja, das bekam mit „Smart Play“-Bricks Aufmerksamkeit – Sensoren und interaktive Elemente, die das Bauen stärker mit digitalem Spiel koppeln. Für einen IT- und Gadget-Artikel ist das eher ein Randthema. Als Symbol taugt es trotzdem: Selbst Spielzeughersteller denken konsequent in der Brücke zwischen physischer Welt und Software. Genau diese Brücke war die eigentliche CES 2026 – und sie wirkt so stabil wie lange nicht mehr.


























